24.3241 · Interpellation · 2024-03-14
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Erledigt
Wortlaut
Die Schweizer Landwirtschaft soll in Zukunft deutlich mehr pflanzliche Lebensmittel erzeugen. Dies sieht der Bund in seiner Ernährungs- und der Klimastrategie vor. Auch die Überlegungen zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik 2030 gehen sich in diese Richtung. Gleichzeitig soll die Landwirtschaft noch stärker von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln wegkommen und den Nährstoffeinsatz deutlich reduzieren -als noch ökologischer produzieren. Gemäss der landwirtschaftlichen Gesamtrechnung verdienen die Betriebe rund 70% ihres Einkommens mit der tierischen Produktion. Nur gerade mal 30% stammen aus dem Pflanzenbau und davon tragen Spezialkulturen (Obst- und Weinbau, Gemüse) und der Futterbau zu beinahe ¾ des Umsatzes bei. Das bestätigt auch der jüngst veröffentlichte Bericht des Bundesrates zu den landwirtschaftlichen Einkommen. Hinzu kommt, dass sich der Pflanzenbau in der Schweiz seit 10 Jahren rückläufig entwickelt und sein Anteil am Gesamtverbrauch bei allen wichtigen Hauptkulturen zurückgeht (Selbstversorgungsgrad der einzelnen Kulturen und in der Nahrungsmittelbilanz der Schweiz). Der Selbstversorgungsgrad im Pflanzenbau ist mit 33% auf einem historischen Tiefststand angekommen.
In diesem Zusammenhang bitte ich den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:
Was sind die Gründe für die oben beschriebenen Entwicklungen im Pflanzenbau? Wie schätzt der Bundesrat diese Entwicklung ein?
Welche Rolle spielen die weniger hohe Umweltstandards für importierte pflanzliche Lebensmittel bei eingangs erwähnter Entwicklung?
Wie konkret soll die Umstellung auf eine vermehrte pflanzliche Produktion unter der oben beschriebenen Ausgangslage umgesetzt werden und wie wird sie sich auf die Einkommen der Bauernfamilien auswirken?
Ist der Bundesrat bereit, Anpassungen beim Grenzschutz in Betracht zu ziehen, um die Wirtschaftlichkeit der pflanzlichen Produktion zu verbessern und wo sieht er konkrete Möglichkeiten?
Welche anderen Möglichkeiten kommen in Frage, um die pflanzliche Produktion zu stärken?
Stellungnahme des Bundesrates
Der Produktionswert der Landwirtschaft zu laufenden Preisen bewegt sich seit 2010 im Pflanzenbau zwischen 3.8 und 4.5 und in der Tierhaltung zwischen 5.1 und 6 Mia. Franken. Im Pflanzenbau wirken sich insbesondere witterungsbedingte Ertrags- und Qualitätsschwankungen auf die Produktionswerte aus. Im Trend sind die Produktionswerte bedeutender Bereiche wie Getreide, Ölsaaten, Kartoffeln und Obst stabil, Frischgemüse steigend und Zuckerrüben sowie Futterpflanzen eher rückläufig. Innerhalb der Futterpflanzen dominieren die trockenheitsanfälligen Wiesenerträge, deren Produktionswert auf dem Niveau von 0.9 Mia. Franken schwankt.Die Frage der Umweltstandards stellt sich für importierte pflanzliche Lebensmittel nicht grundsätzlich anders als für die Inlandproduktion. Im Wesentlichen gehen die Umweltwirkungen vom Anbau aus, Transport und Verarbeitung sind meist von untergeordneter Bedeutung. Teils kann der Import von Frischprodukten gegenüber langer Lagerhaltung gar mit geringeren Umweltbelastungen verbunden sein. Schliesslich entscheiden die Konsumierenden mit ihrem Konsumverhalten über die Herkunft und das angewendete Produktionssystem. Der Bund stellt der Bevölkerung Informationen zu den Auswirkungen der Ernährung auf die Umwelt und die Gesundheit zur Verfügung.Zur langfristigen Sicherstellung der Ernährungssicherheit ist eine Stärkung des Pflanzenbaus wichtig. Veränderungen in diese Richtung müssen jedoch auf Stufe Produktion und Konsum synchron erfolgen. Es ist z.B. nicht zielführend, über den Bedarf hinaus Brotgetreide, Kartoffeln oder Körnerleguminosen anzubauen, um Speisequalitäten schliesslich mangels Nachfrage den Nutztieren zu verfüttern. Eine auf den Bedarf ausgerichtete Produktion stützt die Preise und damit auch die landwirtschaftlichen Einkommen. Die Branchenorganisationen, die Akteure über die gesamte Wertschöpfungskette vereinen, nehmen in der Abstimmung von bedarfsgerechten Mengen und Qualitäten eine zentrale Rolle ein. Sie sind gefordert, Chancen in Bezug auf zukunftsträchtige Nahrungsmittel zu ergreifen.Grenzschutzerhöhungen im Nahrungsmittelbereich bewirken tendenziell höhere Abgabepreise für inländische Erzeugnisse, weniger Wettbewerb, höhere Preise für die Endkonsumierenden und mehr Einkaufstourismus. Eiweissreiche Leguminosen wie Linsen oder Bohnen zu Speisezwecken weisen einen geringen Grenzschutz auf, gleichzeitig belaufen sich die jährlichen Importe insgesamt auf lediglich 10'000 Tonnen. Bei einigen Produkten, wie frischem Obst und Gemüse, wird eine höhere Wertschöpfung der inländischen Produktion nicht durch einen unzureichenden Grenzschutz eingeschränkt, sondern durch die bereits hohen Verbraucherpreise, die die Nachfrage bremsen.Einer Grenzschutzerhöhung zu Gunsten des inländischen Anbaus steht eine mit steigenden Preisen sinkende Nachfrage entgegen.Chancen bieten sich dem Anbau und der Verarbeitung in der Schweiz über eine Herkunftsauslobung, die bei Endkonsumierenden auch eine gewisse Preisdifferenzierung zulässt. Der Bundesrat hat eine Angebotserhöhung mit der auf Speisezwecke ausgeweiteten Ausrichtung des Einzelkulturbeitrags für Körnerleguminosen und dessen Ausdehnung auf weitere Leguminosenarten unterstützt. Ferner bestehen Instrumente zur Förderung von Forschung, Beratung und Innovation. Vom Bund getragene oder mitfinanzierte Forschungseinrichtungen wie Agroscope oder FiBL erarbeiten im Rahmen ihrer Forschungsprogramme auch Grundlagen für einen nachhaltigeren Pflanzenbau. Ferner kann der Bund in den Bereichen Züchtung/Sortenprüfung, landwirtschaftlicher Forschung und Beratung sowie Nachhaltigkeit Projekte mitfinanzieren.