RPW 2000/2 S. 253
NZZ-Gruppe / Bertelsmann AG - Druckerei-Branchensoftware
Rubrum
Vorläufige Prüfung; Art. 4 Abs. 3, Art. 10 und 32 Abs. 1 KG
Examen préalable; art. 4 al. 3, art. 10 et 32 al. 1 LCart
Esame preliminare; art. 4 cpv. 3, art. 10 e 32 cpv. 1 LCart
Am 18. Mai 2000 ging beim Sekretariat der Wettbewerbskommission die Meldung eines Zusammenschlussvorhabens zwischen der schweizerischen NZZ-Gruppe und der deutschen Bertelsmann AG ein.
Die Bertelsmann AG (nachstehend "Bertelsmann") ist das Mutterunternehmen des gleichnamigen Medienkonzerns. Die internationalen Gruppenaktivitäten umfassen Printmedien (Buch-, Zeitschriften- und Zeitungsverlage), diverse Fachverlage in den Bereichen Wissenschaft und Wirtschaft, Musikmedien, die mitbeherrschende Beteiligung an den Rundfunkaktivitäten der CLT-UFA sowie damit im Zusammenhang
stehende Dienstleistungen (Druckerei, Digitalisierung, Marketing, Layout etc.).
Die NZZ-Gruppe (nachstehend "NZZ") verlegt und vertreibt vorwiegend in der Schweiz überregionale und regionale Tageszeitungen und unterhält daneben vergleichsweise untergeordnete Aktivitäten in den Bereichen Druckerei, Buchverlag und elektronische Medien (Dokumentation, Information).
Im Rahmen des gemeldeten Zusammenschlussvorhabens beabsichtigen Bertelsmann (über ihre Tochtergesellschaft Reinhard Mohn GmbH) sowie NZZ (über ihre Tochtergesellschaft Zollikofer AG), gemeinsam eine Beteiligung von über 80% am Aktienkapital der SSB Software Service und Beratung GmbH (nachstehend "SSB") mit Sitz in München zu erwerben; die NZZ soll über die Zollikofer AG zu 27,3%, Bertelsmann über die Reinhard Mohn AG zu 54,7% an der SSB beteiligt sein.
Die SSB entwickelt und vertreibt Software-Branchenlösungen für die Druckindustrie, welche für die Ablaufsteuerung des Druckereibetriebs sowie für Einkauf- und Materialwirtschaft, Auftragsabwicklung, Vertrieb und dergleichen eingesetzt werden. Das System trägt den Produktenamen "DISO" und wird von Unternehmen der Bereiche Print- und graphische Druckerei sowie Etiketten- und Verpackungsherstellung verwendet.
Erwägungen
1. Sowohl die NZZ als auch Bertelsmann verwenden in ihren Betrieben die Druckerei-Branchensoftware von SSB. Die interessierende Software wurde bereits vor einigen Jahren entwickelt und muss in den nächsten Jahren dringend modernisiert werden. Trotz ihrer guten Kundenstruktur ist die SSB nicht in der Lage, ihre Geschäftstätigkeit aus eigener Kraft zu finanzieren. Die meldenden Unternehmen wollen mittels der geplanten Beteiligung gemeinsam sicherstellen, dass die heute verwendete Softwareversion weiterentwickelt wird und damit auch in Zukunft zur Verfügung steht.
Meldepflichtiger Unternehmenszusammenschluss
Indem die NZZ und Bertelsmann an der SSG zusammen eine Beteiligung von über 80% erwerben, erlangen sie die Kontrolle über ein Unternehmen, welches sie bisher nicht gemeinsam kontrollierten. Das gemeldete Zusammenschlussvorhaben ist mithin als Gemeinschaftsunternehmen im Sinne von Artikel 2 VKU zu qualifizieren.
Die Umsätze der NZZ und von Bertelsmann im Geschäftsjahr 1998/1999 übersteigen die Umsatzgrenzwerte von Artikel 9 Absatz 1 KG, das Zusammenschlussvorhaben ist meldepflichtig.
Beurteilung des Zusammenschlussvorhabens
Vorliegend ist von einem sachlich relevanten Markt für Druckerei-Branchensoftware auszugehen. Räumlich erstreckt sich der relevante
Markt auf die Schweiz, eventuell auf Europa (von insgesamt 120 SSB-Kunden befinden sich deren 13 in der Schweiz). Die genaue Abgrenzung des räumlichen Marktes kann indessen offen bleiben, da das gemeldete Zusammenschlussvorhaben auch bei engster räumlicher Marktdefinition (Schweiz) keine Begründung oder Verstärkung einer marktbeherrschenden Stellung bewirkt.
Weder die NZZ noch Bertelsmann sind auf dem soeben beschriebenen sachlich relevanten Markt selber tätig. Die meldenden Unternehmen bewirtschaften zudem vornehmlich verschiedene geographische Märkte. Das gemeldete Zusammenschlussvorhaben führt in der Schweiz daher nicht zu Marktanteilsadditionen auf dem sachlich relevanten Markt. Die genauen Marktanteile von SSB sind zwar nicht bekannt, übersteigen in Deutschland 5% aber kaum und sind in der Schweiz vernachlässigbar.
Schliesslich besteht auf dem Markt für Druckerei-Branchenlösungen intakte aktuelle Konkurrenz: Die grössten Anbieter solcher Software sind die Herbert Dahm Datensystem GmbH in Deutschland, die Mart GmbH in den Niederlanden und die Orcom Systems in der Schweiz. Daneben existieren diverse andere kleinere Softwareanbieter wie die SSB, welche entsprechende Branchenlösungen entwickeln.
Ergebnis
Zusammenfassend ergeben sich aufgrund der vorliegenden Angaben mangels Marktanteilsadditionen und angesichts der intakten aktuellen Konkurrenz keine Anhaltspunkte, wonach das Zusammenschlussvorhaben der NZZ und von Bertelsmann mit der SSB eine marktbeherrschende Stellung begründen oder verstärken würde. Die Voraussetzungen zur Einleitung einer Prüfung gemäss Artikel 10 KG sind daher nicht erfüllt.