Trockenwiesen und -weiden: Wildheu. 2006
Trockenwiesen und -weiden Wildheu Wildheu ist ein eindrückliches Natur- und Kulturerbe; die Schweiz liegt damit weltweit an der Spitze. Dieses Merkblatt erklärt warum und zeigt Möglichkeiten zur Erhaltung auf. Luftiger Wildheutransport im Engstligental, Berner Oberland (1)
Was ist Wildheu? Wie Wildheuen fördern? Seit jeher gibt es auch Mähnutzungen rektzahlungen (Anerkennung als landwirtim Sömmerungsgebiet: Fast auf jeder schaftliche Nutzfläche) für ein TWW-Objekt Alp wurde oder wird noch etwas Heu als «Heuwiese im Sömmerungsgebiet» gewonnen, um einen Kälteeinbruch über- erhalten will, muss über die allgemeinen brücken zu können. Wichtiger als dieses Bedingungen hinaus einige Zusatzpunkte Notheu sind die – vor allem in der Inner- erfüllen: schweiz und im Berner Oberland – noch • Heuverwertung zur Winterfütterung auf zahlreichen Mähder, deren Heu auf dem Stufe Heimbetrieb ganzjährig bewirtschafteten Heimbetrieb • eigenes oder gepachtetes Land verfüttert wird. Diese steilen und abge- • traditionelle Mähnutzung in den letzten legenen Gebiete sind vielfach nur über 15 Jahren Fusswege erreichbar. Im Monat August • Nutzung darf nicht gefährlich sein wird in Handarbeit gemäht und das Heu oft Neben den Direktzahlungen (Flächenbeinoch entlang von gespannten Seilen ins trag, Hangbeitrag, Ökobeitrag inkl. ÖQV) Tal transportiert. Im Inventar der Trocken- sind für TWW-Objekte Bewirtschaftungswiesen und -weiden (TWW) werden arten- verträge nach Natur- und Heimatschutzreiche Wiesen im Sömmerungsgebiet als gesetz (NHG) sinnvoll, was Vorteile und Wildheu bezeichnet. Früher galt Wildheu zusätzliche Beiträge bringt: als Allgemeingut und wurde als begehrtes • Fläche muss nicht jährlich genutzt Zusatzfutter ausgelost. Heute werden die werden; auch in Jahren ohne Mahd Flächen in der Regel einem Bewirtschaf- landwirtschaftliche Direktzahlungen tenden fest zugeteilt. zum Teil erhältlich (Ökobeiträge und 2/3 Für die aufwändige Wildheunutzung sind der Flächenbeiträge) Bewirtschaftungsbeiträge gerechtfertigt • individuelle Nutzungsvorschriften ge- und notwendig. Wer landwirtschaftliche Di- mäss Vertragsvereinbarung
Wildheuflächen eine internationale Verant- regionalen Strukturvielfalt bei. Sie sind wortung: Nirgendwo sonst im Alpenraum für viele Tiere – von der Gämse bis zum konnte sich diese alte Nutzungsform so Schmetterling – interessante Nischenlegut halten. In Italien und Frankreich ist bensräume. Die Wildheunutzung ist jedoch die Wildheunutzung ausgestorben, in auch ein kulturhistorisches Erbe, das ein Deutschland sind nur mehr kleinste Relikte grosses Wissen, Fertigkeiten und eine be- 50 - 100 ha vorhanden. Einzig in Österreich haben sondere Infrastrukur bedingt. < 50 ha die Bergmähder noch eine gewisse Be- TWW-Wildheu: Schwerpunkt in der deutung (rund 2’000 ha). In der Schweiz Prozentuale Verteilung Innerschweiz und im Kanton Bern der Flächen werden schätzungsweise noch 4’000 ha 25 % Weide Bedeutung Wildheu genutzt, davon sind rund 1’000 ha 20 %
Das TWW-Inventar weist ein grosses besonders artenreich und im TWW-Inven- 15 % Wildheu Spektrum an artenreichen Wildheuflächen tar enthalten. 10 % auf: z. B. die Rostseggenhalden am Stan- Die Analyse der TWW-Wildheuflächen 5% serhorn oder im Turbachtal bei Gstaad; zeigt: Im Vergleich zu den TWW-Alpweiden 0% die Halbtrockenrasen ob Flüelen oder die kommen hier wertvollere Vegetationstypen 0.30 0.35 0.40 0.45 0.50 0.55 0.60 0.65 0.70 0.75 0.80 0.85 0.90 0.95 schlechter Vegetationswert besser Buntschwingelhalden der berühmten Mäh- vor. Oft umgeben von Felsfluren, Schutt- Im Vergleich zu den Weiden die der von Davos. halden, Zwergsträuchern und Weideland wertvollere Vegetation (Quelle: TWW- Die Schweiz trägt für die Erhaltung der tragen Wildheuflächen zu einer hohen Bewertungsdaten)
Wildheufläche im Turbachtal mit Gelber Berg-Platterbse (Lathyrus occidentalis) und Kugelorchis (Traunsteinera globosa) in einer Rostseggenhalde. Für Tiere – wie den Grossen Perlmutterfalter (Mesoacidalia aglaja) – bieten Wildheuflächen interessante Nischen (2,3,4)
Vielfalt der Nutzungsformen im Wandel Erschliessung und Abtransport Der Zugang zu den Wildheuflächen ent- zeugen unzählige Beispiele von der Erscheidet oft über Nutzung oder Vergan- findergabe der Landwirte. Die früher verdung. Wo bloss ein Fussweg hinführt, breiteten Tristen, die das Landschaftsbild wird der Arbeitsaufwand enorm und eine prägen und das Heu bis zum winterlichen entsprechende Abgeltung teuer. Vielerorts Schlittentransport konservieren, werden stellen die Bewirtschafter einen kleinen nur noch vereinzelt aus Nostalgie aufge- Schuppen auf, wo ganzjährig ein Motormä- stellt. Zu gross ist der Verlust an Qualität her verstaut wird. und zu gefährlich der winterliche «Aben- Für den Abtransport sind Seilbahnen und teuerritt» mit dem Schlitten. In Gebieten mit viel Wildheu kann sich die Heuseile die traditionelle und mit Abstand In besonderen Fällen können einfache Installation von Heuseilen lohnen (5,6) die sanfteste Lösung. Sie sind allerdings ziemlich aufwändig und teuer. Deshalb Fahrwege Flächen vor der Vergandung lohnt sich ihre Installation und ihr Unterhalt retten, bringen aber zusätzliche Probleme vor allem in wildheureichen Gebieten oder (Bewilligungspflicht, Barrieren, Biker, in TWW-Vorranggebiete (siehe weiter Kontrollen). In den letzten Jahren hat sich hinten). Vom hundertjährigen, zentimeter- vielerorts der Helikopter als gesamtökodicken Eisendraht, der zwischen Bäumen logisch allerdings nicht unproblematische eingespannt ist, bis zur mobilen Seilwinde Alternative durchgesetzt.
Mähen und Ernten Erstaunlicherweise werden in der Schweiz in Sicherheit bringen. Der für die Hangsinoch immer mehr als 1’000 Hektaren mit tuation ausgebaute Balkenmäher hat die der Sense gemäht. Dadurch werden wert- Sensenmahd jedoch aus arbeitswirtschaftvolle Kleinstrukturen wie Ameisenhaufen, lichen Gründen vielerorts abgelöst. Krei- Steine und Büsche erhalten; ausserdem selmäher sind in diesen Lagen weiterhin können sich Kleintiere wie Eidechsen, die Ausnahme. Traditionell wird in höheren Heuschrecken oder Wildbienen rechtzeitig Lagen unregelmässig alle 2 - 3 Jahre
Noch über 1’000 Hektaren Wildheu werden in der Schweiz von Hand gemäht (8)
gemäht, je nach verfügbarer Arbeitskapazität, Wüchsigkeit und Witterungsverlauf. Der Stickstoffeintrag aus der Luft düngt jedoch auch diese abgelegenen Wiesen und beeinträchtigt damit die Artenvielfalt. Ob deshalb eine jährliche Mahd sinnvoll ist oder eine Übernutzung darstellt, ist umstritten. So oder so: Für einen geringen Ertrag von 10 - 20 dt/ha ist der Aufwand Ob mit Heuseil oder Helikopter abtransportiert – das Heu muss über weite Strecken gegenüber der Heuernte im Tal rund 5 bis zusammengerecht werden (7) 10 mal grösser.
5'000 Verwertung von Wildheu Nach wie vor ist Wildheu ein beliebtes 4'000 Ergänzungsfutter. Dank den extremen Wuchsbedingungen wird es nicht über- Fr./ha und Nutzung
3'000 ständig und behält einen beachtlichen 2'000 Futterwert. Wildheu wird auch von Milchkühen gerne gefressen und scheint eine 1'000 gesundheitsfördernde Wirkung zu haben. Der überdurchschnittliche Gehalt an Hindernisse: Keine Viele Aromastoffen kann sogar in verarbeiteten Steilheit: <18% 18-25% 25-35% 35-50% 50-80% >80% Produkten (z. B. im Käse) nachgewiesen Hohe Erntekosten in steilen Lagen mit werden. Hindernissen (aus «Leitfaden Naturnahe Klein, aber fein: Wildheu wird Lebensräume», LBL/SRVA, 2002. nicht überständig, ist dafür umso Arbeitskostenansatz Fr. 35.–/h) aromatischer (9)
Wildheunutzung fördern! Finanzielle Beiträge Die Wildheunutzung ist eine Leistung der struktur an. Hier müssen Stiftungen, Landwirtschaft für die Erhaltung der bun- Tourismusorganisationen, Natur- und Sömmerungsgebiet mit ten Vielfalt der Landschaft und somit für Kulturfördervereine oder spezielle Fonds A B gemähten Wiesen A und B das Allgemeinwohl. Die blühenden Matten zugunsten der Landschaft einspringen und Stufe der ganzjährig sind für den Tourismus ein unschätzbares mit einer einmaligen Anstossfinanzierung bewirtschafteten Heimbetriebe, in denen Gut. Ohne regelmässige Beiträge ist eine nachhaltige Wirkung erzielen. das Heu der Fläche B im Winter verfüttert heute eine Weiterführung des Wildheuens TWW-Vorranggebiet wird
undenkbar. Landwirtschaftliche Sockel- In TWW-reichen Regionen hat der Kanton beiträge in Kombination mit Naturschutz- die Möglichkeit, ein Vorranggebiet auszubeiträgen sind notwendige Voraussetzung scheiden. Damit werden die Naturwerte Für die Fläche B sind landwirtschaftliche dazu. Darum sind die Bedingungen für Direktzahlungen erhältlich, für die und die kulturhistorischen Aspekte in einer Fläche A dagegen nicht. Beide Flächen die Anerkennung von Wildheuflächen als Gesamtsicht geprüft und die strukturellen können aber von NHG-Beiträgen Landwirtschaftliche Nutzfläche zentral. und finanziellen Voraussetzungen für das profitieren, falls der Kanton bereit ist, In vielen Fällen stehen Investitionen in Weiterbestehen spezieller Nutzungen wie ihre Nutzung vertraglich zu regeln die Erhaltung und Erneuerung der Infra- das Wildheuen verbessert.
Von der Naturschutzgruppe zum «meditativen Sensemähen»? Der Strukturwandel in der Landwirtschaft Verantwortung für die Biotoppflege auch umfassenden Wildheuförderprojektes ein fordert seine Opfer: Gerade die Wildheu- langfristig gelingen kann. Neue Organisa- Lehr- und Erlebnispfad angelegt. In Österflächen sind arbeitsintensiv und darum am tionsformen und Projektideen kommen auf: reich hat man gar mit der Vermarktung von stärksten gefährdet. Einzelne Beispiele zei- Gruppen von Zivildienstleistenden oder wöchigen Einsätzen im «meditativen Sengen, dass sich Bauern unter Umständen Erwerbslosen machen hier und da erste semähen» erste Erfolge verbucht; vermutganz auf die Landschaftspflege speziali- Versuche, dort einzuspringen, wo sich die lich nicht gerade an den halsbrecherischen sieren können, in spezielle Maschinen in- Landwirtschaftsbetriebe zurückziehen. Steilhängen, aber immerhin. vestieren und so wieder eine ökonomische Mancherorts wird das Wildheumähen wie Nicht zuletzt liegen auch in der Wert- Nische finden. Auch Forstleute leisten im Berner Oberland fast als Trendsportart schätzung und -schöpfung des Produktes einen aktiven Beitrag zur Offenhaltung der betrieben. Die abgewanderten Bauernsöh- Wildheu Chancen: Im Tirol wird Wildheu Wildheuplanggen als Wildäsungsplätze. ne verbringen ihre Sommerferien damit, als Medizinalfutter und Wellnesszugabe Offenheit für neue Lösungen ist gefragt. Im in neuen Männerbünden abgelegen das erfolgreich vermarktet . Kanton Graubünden beweist eine Einsatz- Nützliche mit dem Abenteuer zu verbingruppe des WWF, dass die Übernahme der den. Im Kanton Uri wird im Rahmen eines
Wenn die Vergandung droht Impressum In einer ersten Phase steigt das Risiko für Herausgeber kleine Bodenanrisse und flächige Erosion, Bundesamt für Umwelt (BAFU), CH-3003 Bern Das BAFU ist ein Amt des Eidg. Departements für Umwelt, wenn die Wildheuplanggen nicht mehr Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK). gemäht werden. Die Biodiversität nimmt AGRIDEA, CH- 8315 Lindau jedoch nur sehr langsam ab. Je höher Rechtlicher Stellenwert gelegen und magerer der Boden, desto Diese Publikation ist eine Vollzugshilfe des BAFU als später tritt eine Verarmung ein. Unterhalb Aufsichtsbehörde und richtet sich primär an die Vollzugsder Waldgrenze geht jedoch die Verbusch- behörden. Sie konkretisiert unbestimmte Rechtsbegriffe ung und die Entwicklung zurück zum Wald von Gesetzen und Verordnungen und soll eine einheitliche Vollzugspraxis fördern.Berücksichtigen die Vollzugsbehörrasch voran und ist eine ernst zu nehden diese Vollzugshilfen, so können sie davon ausgehen, mende Gefährdung für die biologische und dass sie das Bundesrecht rechtskonform vollziehen; landschaftliche Vielfalt. andere Lösungen sind aber auch zulässig, sofern sie Eine erste Alternative zur drohenden Ver- rechtskonform sind. gandung besteht darin, wenigstens eine Autor minimale Nutzung aufrecht zu erhalten. Christian Hedinger, UNA Wer bloss noch alle 5 - 7 Jahre mäht, kann Konzept/Redaktion die Vergandung vorerst aufhalten und Corina Schiess, AGRIDEA Lindau das Potenzial erhalten. Allerdings wird die Mitarbeit und Beratung Mahd deutlich aufwändiger und mühsamer. P. Bachmann, Amt für Landwirtschaft GL; Ch. Blank, Es ist aber etwas Zeit gewonnen für eine Unterhalb der Waldgrenze verbuschen BLW; N. Doutaz, IAG Posieux; G. Eich, Abt. Natur- und Wildheuplanggen sehr rasch (10) Landschaftsschutz UR; N. Ettlin, Amt für Landwirtschaft Fallanalyse und eine nachhaltige Lösung: und Umwelt OW; D. von Euw, Landwirtschaftsamt SZ; Betriebsstrukturen, Erschliessungsmög- schaftet, besteht die Möglichkeit, dass das D. Fasching, Kant. Naturschutzinspektorat BE; E. Imfeld, lichkeiten, Eigentums- und Pachtverhält- Objekt aus dem Inventar entlassen wird. Qualinova; R. Kuster, Altdorf; H. Niederberger, Amt nisse sowie regionale Besonderheiten für Landwirtschaft NW; F. Omlin, Fachstelle Natur und Für alle Fragen in Zusammenhang mit der Landschaft NW; N. Roder, Inforama Hondrich; P. Vögeli,
werden unter die Lupe genommen, Erfassung von Wildheuflächen im TWW-In- Fachstelle Natur- und Landschaftsschutz SZ; T. Ziegler, Alternativen geprüft. Oft sind im Gespräch ventar, mit Bewirtschaftungsver trägen, mit der Landw. Beratungsdienst UR zwischen Einheimischen und Aussenste- Ausarbeitung von Nutzungskonzepten sind Begleitung BAFU henden überraschende Lösungen möglich. die kantonalen Naturschutzfachstellen die Christine Gubser, Abteilung Artenmanagement Wird eine Fläche länger nicht mehr bewirt- kompetenten Ansprechpartner. Grafik/Gestaltung Ueli Honegger, AGRIDEA Lindau Mehr Info Bildnachweis
Amacher, E. (1986). «Nutzungsände- lungen der Region. Uwe Sailer, quadra, Zürich (1); Christian Hedinger, UNA, Bern (2, 3, 8, 9); Albert Krebs, Agasul (4); Martin Lutz, rung auf Wildheuflächen im Schächen- • Kuster, R. (2005). Wildheuen. Dossier Belp (5); Robert Kuster, Altdorf (6, 7); Georges Eich, Abt. tal und ihre ökologische Auswirkung.» Schweizer Bauer, 27.8.2005 Natur- und Landschaftsschutz, Altdorf (10) Naturforschende Gesellschaft Uri 14. • Tasser, E., M. Mader, et al. (2003). «Ef- Bezug
Hess, J. (2002). «Wenn dr Schiäs fects of land use in alpine grasslands BAFU, Dokumentation, CH-3003 Bern öifgaad», über das Bergheuen in Engel- on the probability of landslides.» Basic Internet: www.umwelt-schweiz.ch/publikationen berg. Engelberg, Eigenverlag, Kultur- Appl. Ecol. 4: 271-280. Bestellnummer: UV-0624-D kommission der Einwohnergemeinde • Wildheuen am Rophaien. DVD. © AGRIDEA 2006 Engelberg, Bezugsquelle: Buchhand- AGRIDEA (2005).