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Konzept zur Förderung von Wiedereinsteigerinnen
Germann Hannes · P-M · Ständerat · Schaffhausen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Präsident (Germann Hannes, Präsident): Der Bundesrat beantragt die Annahme des Postulates.
Graber Konrad · Mit-M · Ständerat · Luzern · Fraktion CVP-EVP
Ich danke zuerst dem Bundesrat, dass er bereit ist, die von mir gewünschte Prüfung durchzuführen. Es scheint mir wichtig, dass wir - neben den nachfolgenden Vorstössen, die sich mit der Arbeitssituation von über 50-Jährigen befassen - auch das Thema "Wiedereinsteigerinnen" in der ganzen Breite ausleuchten. Dass der Bundesrat dies im Rahmen der Fachkräfteinitiative tun will, scheint mir sehr sinnvoll zu sein. Tatsächlich verfügen wir in der Schweiz über bestens ausgebildete Frauen, die möglicherweise in den Arbeitsprozess zurückzukehren wünschen, dies aber aufgrund verschiedener Barrieren nicht tun. Sinn und Zweck der Prüfung soll es sein, diese Hemmnisse anzusprechen, zu analysieren und, wo sinnvoll, abzubauen.
Ich möchte mein Postulat in einen breiteren politischen Zusammenhang stellen. Ich habe den Eindruck, dass sich die Wirtschaft heute noch zu wenig mit diesen Themen auseinandersetzt. Auf meine Frage an die Strategieverantwortlichen verschiedener Firmen, was für eine spezifische Bedeutung ein Rückgang ausländischer Fachkräfte für sie habe, habe ich bis heute in der Regel als Antwort Gemeinplätze zu hören gekriegt wie etwa: Es sei bereits heute schwierig, die richtigen Fachleute zu rekrutieren; wahrscheinlich müssten gewisse Aktivitäten ins Ausland verlegt werden; ehrlicherweise müsse man eingestehen, dass die Kosten wahrscheinlich steigen würden, wenn für die gleichen Positionen das Angebot kleiner sei oder wenn Schweizerinnen und Schweizer eingesetzt würden.
So richtig scheint niemand daran zu glauben, dass wir in der Schweiz in nächster Zeit wesentlich weniger Einstellungen von ausländischen Fachkräften verzeichnen werden. Realistisch beurteilt ist dies aber eine krasse politische Fehleinschätzung. Unabhängig vom Weg der Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative muss sich die Wirtschaft darauf einstellen, weniger Rekrutierungen aus dem Ausland vornehmen zu können. Wünschenswert wäre es aus meiner Sicht, wenn Unternehmen dies bereits heute täten, damit uns dann nicht einmal vorgeworfen wird, wir hätten das Gegenteil dessen getan, was das Volk beschlossen habe.
Diese Initiative ist aber, das möchte ich betonen, nicht der einzige Treiber dieses Postulates. Auch ohne diese Initiative sieht sich die Schweizer Wirtschaft mit einem Fachkräftemangel konfrontiert, weil sich die Generation der Babyboomer Richtung Pensionierung bewegt. Das Postulat ist also nicht in erster Linie der Ausfluss einer Volksabstimmung, ihm liegt vielmehr eine ganz nüchterne Analyse der Arbeitsmarktsituation, auf die wir in vielleicht zehn Jahren zusteuern, zugrunde. Der Synthesebericht zur Studie "Angebote im Bereich beruflicher Wiedereinstieg", die das Forschungsinstitut GfS Bern im Auftrag des damaligen BBT durchführte, bringt bereits interessante Erkenntnisse.
Ich habe die Prüfung im Postulat bewusst auf Wiedereinsteigerinnen ausgerichtet, weil zurzeit vor allem Frauen aus familiären Gründen eine längere Auszeit nehmen und sich deshalb häufiger mit dem beruflichen Wiedereinstieg auseinandersetzen. Gudrun Sander, zuständig für den Lehrgang für Wiedereinsteigerinnen "Women Back to Business" an der Universität St. Gallen, und andere Experten nennen folgende Gründe, weshalb der berufliche Wiedereinstieg heute gebremst wird: mangelndes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, je länger die Abwesenheit vom Arbeitsmarkt dauert; gleichzeitig auch mangelndes Zutrauen auf Arbeitgeberseite, dass Wiedereinsteigerinnen schnell wieder Tritt fassen; Wiedereinsteigende bringen zwangsläufig ein fachliches Defizit, aber auch Vorteile in Bezug auf Motivation und ausserberufliche Lebenserfahrung mit; es wird bei Bewerbungen zu stark auf mögliche Defizite statt auf Schlüsselqualifikationen fokussiert; keine professionelle Beratung durch die RAV; keine Möglichkeit, Weiterbildungskosten steuerlich abzuziehen, solange kein Erwerbseinkommen vorliegt; keine Einarbeitungszuschüsse, keine "traineeship" und "returnship", die es den zukünftigen Arbeitgebern erlauben würden, die Rekrutierungsrisiken zu minimieren, die Stärken von Interessierten kennenzulernen usw.
Von der Prüfung erhoffe ich mir Antworten zu diesen Punkten und daraus abgeleitet ein Konzept, wie mit dieser Fragestellung umzugehen ist. Wichtig scheint mir, dass diese Abklärungen unter Einbezug der Arbeitgeber erfolgen. Die Wirtschaft muss heute mit politischer Unterstützung sicherstellen, dass wir morgen über die benötigten Fachkräfte verfügen.
Ich danke dem Bundesrat deshalb nochmals für die positive Aufnahme des Postulates und Ihnen, dass Sie bis jetzt keinen anderslautenden Antrag eingereicht haben.
Häberli-Koller Brigitte · Mit-F · Ständerat · Thurgau · Fraktion CVP-EVP
Ich unterstütze die Prüfung eines Konzeptes zur Förderung von Wiedereinsteigerinnen, wie es Kollege Graber mit seinem Postulat fordert, ebenfalls. Es ist wichtig, dass wir anschauen, ob wir diese gute Möglichkeit mit Förderprojekten ausbauen können. Im Kanton Thurgau gibt es im Pflegebereich seit einiger Zeit ein solches Projekt, wo Zweitausbildungen und Umschulungen gefördert werden. Es wird auch der Zugang zu Ausbildungen unterstützt, und es werden Anreize geschaffen, damit Wiedereinsteigerinnen - in unserem Fall wie gesagt vor allem im Gesundheitsbereich - den Weg in die Arbeitswelt zurück finden.
Erlauben Sie mir noch eine Bemerkung: Ich habe die Hoffnung, dass bei all diesen Massnahmen auf dem Arbeitsmarkt - wo wir jetzt dringend auf Frauen angewiesen sind, die den Weg ins Berufsleben wieder finden - diese Frauen für die Wirtschaft, aber auch für uns alle auch dann noch so wertvoll sind, wenn der Mangel an Fachkräften kleiner werden sollte und wieder zur Diskussion steht, welche Leute nicht mehr so dringend gebraucht werden. Meine Hoffnung ist, dass es dann nicht gerade die jetzt so begehrten Wiedereinsteigerinnen sein werden, die als Erste entlassen werden. Ich glaube, das ist eine wichtige Forderung, die es heute auch zu diskutieren gilt. Hier müssen wir heute schon ein Signal aussenden, wenn wir solche Personen - es sind vor allem Frauen - zum Wiedereinstieg motivieren möchten: Wir schätzen sie auch dann, wenn die Wirtschaftslage wieder anders aussieht.
Fetz Anita · Mit-F · Ständerat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion
Auch ich habe nichts gegen dieses Postulat, aber ich erlaube mir, ein paar Anregungen aus der Praxis mitzugeben, denn - ich muss es ehrlich sagen - Konzepte neigen dazu, in Schubladen zu landen. Sie sind nicht schlecht, aber letztendlich geht es darum, dass nachher auch gehandelt wird. Ich nehme an, dass das auch die Absicht des Postulanten ist.
Zu meinem Hintergrund: Ich habe jahrelange Erfahrung mit Wiedereinstiegsstrategien, die ich für Unternehmen gemacht habe. Dabei sind mir drei Punkte aufgefallen, die, wie ich finde, in der Praxis, und damit eben auch konzeptionell berücksichtigt werden müssen.
1. Den Ausstieg unbedingt vermeiden! Dazu muss man sich einiges einfallen lassen. Spätestens nach zwei bis drei Jahren ist nämlich - vor allem im qualifizierten Bereich - das Know-how veraltet. Sie selber wissen, wie schnell heute die Arbeitswelt funktioniert. Das heisst, die Unternehmen sollten Angebote für längere, auch unbezahlte Mutterschaftsurlaube machen; das ist sinnvoller, als dass Frauen ganz aussteigen. Es sollten auch kleinere Pensen für eine Übergangszeit angeboten werden, weil dann die Erhöhung der Arbeitszeit problemlos mit der Entwicklung der Familie einhergeht. Die aller-, allerbeste Prävention ist die, gar keinen Ausstieg zu machen.
2. Wenn es einen Ausstieg gibt, dann sollte mit den Aussteigerinnen - es sind ja häufig Frauen - unbedingt Kontakt gehalten werden. Auch das ist relativ einfach möglich, aber dazu muss sich eine Firma halt etwas überlegen und auch Angebote machen. Gute Firmen laden ihre Aussteigerinnen und potenziellen Wiedereinsteigerinnen zweimal pro Jahr in die Firma ein, orientieren sie über die neuesten Entwicklungen und lassen sie auch an der betrieblichen Weiterbildung teilnehmen. Das sind ganz entscheidende Massnahmen, damit sie nicht ganz von der Berufswelt weggehen.
3. Dieser Punkt ist beim Wiedereinstieg von Hoch- und Spezialqualifizierten sehr wichtig, die man ja vor allem sucht: Es braucht ein Brush-up des Know-hows. Das wird zum Teil heute auch schon von Fachhochschulen und Universitäten angeboten. Das heisst nicht, dass man dann nochmals einen Master machen muss, sondern das heisst, dass in Zusammenarbeit mit Firmen kurze, ein paar Wochen dauernde Brush-ups gezielt angeboten werden. Es ist klar, dass der Wiedereinstieg branchenorientiert konzipiert werden muss. Es ist natürlich ein fundamentaler Unterschied, ob ich mein Know-how im Finanzwesen oder in der Pharmaindustrie oder in der Pflege oder wo auch immer habe.
Ein letzter, persönlicher Punkt: Ich habe mehr als zwanzig Jahre Wiedereinsteigerinnen selber eingestellt und mit ihnen zusammengearbeitet. Mein Fazit ist: Gestandene Mütter als hochqualifizierte Mitarbeiterinnen sind super, sie sind nämlich viel pragmatischer, viel effizienter und top zuverlässig, weil sie aus ihrem Familienleben bereits gewohnt sind, so zu sein. Sie sind also nicht nur eine Bereicherung, sondern es ist für ein Unternehmen top, solche Frauen zu haben.
Zum Schluss einfach ein Hinweis an Herrn Bundesrat Schneider-Ammann: Konzepte sind gut und recht, aber Taten sind besser. Ich weiss, dass Sie versuchen, die Unternehmen zu Taten zu bringen. Der Staat kann zwar animieren, aufzeigen usw., aber letztendlich müssen es die Unternehmen selber machen. Ich teile die Erfahrung von Kollege Graber: Viel zu viele Unternehmen in der Schweiz, vor allem im mittelständischen Bereich, haben immer noch nicht begriffen, dass sich seit der Abstimmung etwas fundamental geändert hat, und leben immer noch nach dem Prinzip Hoffnung: Ja, früher ging es ja auch irgendwie, die Kontingente werden schon so gross sein, dass wir dann auch noch partizipieren können. Das ist eine falsche Überlegung, weil ganz unabhängig vom Entscheid des 9. Februars 2014 die Demografie-Uhr sehr laut tickt. Es muss jetzt also gelingen, das inländische Potenzial der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter offensiv zu nutzen. Dafür sind Konzepte gut, aber Taten der Unternehmen noch besser.
Eder Joachim · Mit-M · Ständerat · Zug · FDP-Liberale Fraktion
Gestatten Sie mir ebenfalls noch einige ergänzende Bemerkungen. Das mit dem Postulat aufgegriffene Anliegen ist unbestritten und sehr wichtig. Ich bin dem Bundesrat dankbar, dass er bereit ist, die entsprechenden Arbeiten an die Hand zu nehmen.
Warum ich mich melde: Ich möchte die Ausführungen von Kollegin Brigitte Häberli-Koller unterstreichen und den Fokus verstärkt auf die Pflegeberufe richten. Wir wissen, dass Bund und Fachverbände des Gesundheitswesens im Pflegebereich mittelfristig einen drastischen Personalmangel prognostizieren. Gemäss einer Studie von 2008 benötigen Heime und Spitäler bis im Jahr 2020 zusätzlich 25 000 Beschäftigte. Die demografische Entwicklung fordert uns in jeder Beziehung. Verstärkte Anstrengungen sind also nötig, denn es darf nicht so weit kommen, dass wir in Zukunft zwar genügend Pflegebetten, aber zu wenig Personal haben.
Ich lege aufgrund meiner Erfahrungen als früherer Gesundheitsdirektor vor allem allergrössten Wert auf folgende zwei Punkte:
1. Ich denke, wir sollten von der gegenwärtigen Verakademisierung der Pflegeberufe wegkommen; da wäre ich froh um eine Einschätzung des Bildungs- und Wirtschaftsministers. Selbstverständlich brauchen wir auch Pflegewissenschafterinnen und akademisch ausgebildetes Personal. Wir dürfen aber in diesem wichtigen Wachstumsbereich nicht denselben Fehler machen, der uns zum Teil im Bildungsbereich passiert ist. Ich nenne dazu nur das Stichwort "Maturavoraussetzung für Kindergärtnerinnen und Unterstufenlehrpersonen". Ich bin überzeugt, dass Sie, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, mich nicht falsch verstehen: Natürlich können und werden auch Akademikerinnen und Akademiker die notwendigen Kompetenzen von Kopf, Herz und Hand mitbringen, und natürlich braucht es auch in der Pflege das ganze Spektrum an Ausbildungen.
2. Wir müssen davon wegkommen, den Mangel an Gesundheitspersonal mit ausländischen Fachkräften lösen und so die bei uns vorhandenen Lücken schliessen zu wollen. Der Weg geht über Wiedereinsteigerinnen, über Zweitausbildungen, wie es ja die Motion der CVP-Fraktion 11.3889, "Umschulungsmöglichkeiten und Zweitausbildungen für Pflegepersonal fördern und unterstützen", fordert. Diese Motion hat unser Rat seinerzeit entgegen dem Antrag des Bundesrates angenommen. Die bei uns vorhandenen Lücken dürfen wir nicht mit ausländischen Fachkräften füllen.
Pilotprojekte wie jenes zur Rekrutierung von philippinischem Pflegepersonal, welches vom Bund sogar noch unterstützt wurde, sind für mich nicht nur der falsche Ansatz, sondern ganz eindeutig auch der falsche Weg. Abgesehen davon, dass es eine Binsenwahrheit ist, dass so nicht nur eine Person pro Familie in die Schweiz kommt, sondern mit dem Nachzug in der Regel mindestens auch eine zweite, ist es viel besser und eindeutig vernünftiger, auf unsere einheimischen Kräfte zu setzen, auf unsere einheimischen brachliegenden Kräfte, wenn Sie den Ausdruck gestatten, und diese, wie es das Postulat verlangt, auch gezielter zu fördern.
Ich bin Ihnen, Herr Bundesrat, dankbar, wenn Sie auch diesen speziellen Aspekt des Pflegepersonals in Ihre Antwort und in die Arbeiten am Postulat aufnehmen.
Hösli Werner · Mit-M · Ständerat · Glarus · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Wenn ich dieser Debatte zuhöre, bekomme ich etwas das Gefühl, man habe - ich spreche da vor allem vom Gesundheitsbereich - die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Wir machen ja heute schon alles, damit jemand nicht aussteigt, damit jemand mit reduziertem Pensum arbeiten kann; da sind wir voll im Geschäft. Wir versuchen, alle möglichen Punkte ins Feld zu führen, um jemanden davon zu überzeugen, den Beruf nicht aufzugeben, wenn ihn allenfalls die familiäre Situation dazu "zwingt".
Man muss allerdings sehen, dass es auch andere Bedingungen gibt, die zur Berufsaufgabe führen, auch wirtschaftliche. Man kann schon Förderungen planen und in Aussicht stellen, oftmals sind es aber eben wirtschaftliche Überlegungen, die jemanden dazu bringen, den Beruf im Moment aufzugeben. Da werden Berechnungen angestellt, was es steuerlich ausmacht, wenn man weiterarbeitet, und was es kostet, wenn man das Kind eine gewisse Zeit betreuen lässt, in einen Hort gibt. Die Vorschriften werden aber überall angehoben: Heute darf man kaum mehr ein Kind betreuen, wenn man nicht einen Hochschulabschluss hat; das ist zwar etwas übertrieben, es ist aber etwas daran. Man muss in diesem Bereich wieder auf ein normales Mass zurückkommen und die Möglichkeit schaffen, ein Kind günstig betreuen zu lassen, d. h., dass die Person, die das Kind betreut, nicht irgendwelche Abschlüsse haben muss.
Gerade im Gesundheitsbereich gibt es auch noch einen anderen Einfluss, nämlich die Regulierungen im Beruf selber. Viele Pflegefachkräfte haben ja nicht das Ziel, Bürolisten zu sein. Es ist heute aber so: Als Pflegefachkraft wird man derart mit administrativen Aufgaben eingedeckt, dass viele sagen, das sei nicht mehr der Beruf, den sie eigentlich ausüben wollten.
Da komme ich immer wieder zu dem zurück, was ich eigentlich in Voten, die ich da gehalten habe, schon gesagt habe: Hören wir mal auf, immer mehr zu regulieren, immer mehr zu bestimmen, immer mehr vorzuschreiben und den Bürokratismus anzuheizen. Da liegt ein Hauptproblem, und daran müssen wir arbeiten. Mit solchen Konzepten, die auch wieder nur Konzepte sind und den Administrationsaufwand erhöhen, kommen wir nicht weiter. Wir müssen wieder auf die Praktiker, auf die Pflegefachkräfte und auf die Fachkräfte generell hören, sie fragen, wo das Problem liegt, und dann dort ansetzen.
Schneider-Ammann Johann N. · BR-M · Bundesrat · Bern
Wie gesagt wurde, macht Ihnen der Bundesrat beliebt, das Postulat anzunehmen. Es handelt sich um einen Prüfauftrag. Ich will Ihnen vorneweg ein paar Fakten liefern: Frauen sind grundsätzlich im Arbeitsmarkt integriert. Es sind bei uns nur 22 Prozent nicht erwerbstätig. Eine weitere Bemerkung ist folgende: Das grösste Potenzial ist bezüglich der Erwerbstätigkeit von Müttern auszumachen. Da muss man zugegebenermassen feststellen, dass 1992 rund 40 Prozent der Mütter nicht erwerbstätig waren und dass die Zahl heute bei 21 Prozent liegt, dass also ein wesentlicher Rückgang stattgefunden hat. Allerdings hat die Teilzeitarbeit, und das ist eine modernere Erscheinung, natürlich massiv zugenommen.
Der Bundesrat erachtet den beruflichen Wiedereinstieg von Müttern als ein ganz wichtiges politisches Ziel. Um den Wiedereinstieg zu ermöglichen, gibt es unter anderem das Arbeitslosenversicherungsgesetz, das Berufsbildungsgesetz und das Gleichstellungsgesetz als Basis. Ich will Sie nicht mit diesen Gesetzen langweilen, ein paar Stichworte seien aber erwähnt:
Bei der Arbeitslosenversicherung geht es um die arbeitsmarktlichen Massnahmen. Es geht um die Bildungs-, Beschäftigungs- und um die speziellen Massnahmen. Die Kantone sind in erster Linie dafür zuständig, der Bund finanziert einfach mit; ich wollte also die Kompetenz bei den Kantonen betonen. Weiter müssen die regionalen Arbeitsvermittlungsstellen auch Personen begleiten, die auf Stellensuche sind und keinen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung haben; das muss wieder einmal zur Kenntnis genommen werden.
Das Berufsbildungsgesetz sieht in Artikel 32 die Förderung des beruflichen Wiedereinstiegs expressis verbis vor. Die Kantone, wieder die Kantone, sorgen für eine Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. Die Kantone fördern den Wiedereinstieg ins Erwerbsleben durch die Validierung von nonformalen Bildungsleistungen.
Wenn ich noch das Gleichstellungsgesetz heranziehe: Der Bund leistet aufgrund dieses Gesetzes Finanzhilfen an private Institutionen für die Beratung und die Förderung des beruflichen Wiedereinstiegs von Frauen und Männern nach einem familienbedingten Unterbruch der Erwerbsarbeit. Also auch hier ist grundsätzlich eine gesetzliche Grundlage vorhanden.
Wir sind mit der Fachkräfte-Initiative unterwegs. Die Fachkräfte-Initiative ist im Jahr 2011 entstanden. Wir haben schon im Jahr 2011, also deutlich vor dem 9. Februar 2014, gesagt, dass wir die demografische Entwicklung kennen, es werde schwieriger, den Wirtschaftssubjekten die entsprechend qualifizierten Fachkräfte in der Zukunft lückenlos zur Verfügung zu stellen. "Lückenlos" meint, dass die volkswirtschaftliche Entwicklung gefördert bleiben soll; sie soll auf hohem Niveau bleiben.
Wir haben nach dem 9. Februar 2014 die Fachkräfte-Initiative überarbeitet. Ich habe hier die wesentlichen 14 Punkte, Massnahmen vor mir, die diese überarbeitete Fachkräfte-Initiative beinhaltet. Einer dieser Punkte wurde von Frau Häberli-Koller und Herrn Eder angesprochen. Da geht es um die Gesundheitsberufe. Diesen wird ganz besonders auch Beachtung geschenkt. Ich habe gut zugehört: Selbstverständlich ist die Akademisierungsfrage Teil dieser neuerlichen Prüfung; dem werden wir Beachtung schenken. Und ich habe noch besser zugehört, als vorhin von Herrn Ständerat Hösli gesagt wurde, dass einem als Pflegefachfrau oder -fachmann drohe, zum Bürolisten zu werden. Das kann natürlich auch nicht die Idee sein: Die Bürokratie muss reduziert werden können.
Diese Fachkräfte-Initiative ist also unterwegs. Wir nehmen das Postulat als Prüfauftrag. Ich bin nicht oder zumindest nicht nur der Sprecher der Wirtschaft, ich möchte gerne als Mitglied eines Regierungskollegiums verstanden werden. Aber die Wirtschaft hat jetzt, spätestens nach dem 9. Februar 2014, verstanden, dass etwas gehen muss. Ich bin im Dauerkontakt mit den Wirtschaftsverbänden, mit den Dachverbänden insbesondere. Der Schweizerische Arbeitgeberverband hat bereits durchblicken lassen, dass er sich mit einer Initiative "45 plus" beschäftigt. Die Idee einer Arbeitsagentur ist am Entstehen. Man geht jetzt sehr gezielt darauf aus, die hiesigen Potenziale besser identifizieren zu können, die Leute besser arbeitsmarktfähig zu machen. Das sind Investitionen, die nicht zu unterschätzen sind. Die Firmen müssen dann bei allem noch wettbewerbsfähig bleiben. So gesehen bin ich der Meinung, die Wirtschaftsverbände müssten jetzt eine Chance bekommen.
Wenn Sie morgen schon Resultate kontrollieren wollen, dann würde ich Sie heute davor warnen, dass Sie dann enttäuscht würden. Das ist ein Prozess - das ist ein Sensibilisierungsprozess, das ist ein Aufbauprozess. Das ist ein Prozess, der auch irgendwie einen Gesinnungswandel bedeutet, und das braucht einfach zusätzliche Zeit. Aber es ist wirklich bei allen irgendwie Beteiligten gestartet worden, bei der Wirtschaft, den Sozialpartnern, selbstverständlich auch beim Bund und selbstverständlich auch bei den Kantonen.
Ich teile - um auf die Frauen zurückzukommen - mit Herrn Graber die Auffassung, dass es die Punkte sind, die er aufgezählt hat, die dazu führen, dass der Wiedereinstieg, wenn man einmal ausgestiegen ist, schwierig ist. Er ist vor allem auch schwierig, weil dann das Fehlen des Selbstvertrauens im Weg steht. Die Arbeitgeber sind vorsichtig, nicht nur, wenn Frauen wiedereinsteigen wollen, sondern auch bei Männern; das ist einfach so. Wenn man jemanden nicht kennt, wenn man nicht a priori überzeugt ist, dass dessen Bildungs- und Fähigkeitsniveau State of the Art ist, dann ist eine gewisse Barriere vorhanden. Ich bin auch der Meinung, dass es, sobald man ein, zwei Jahre nicht mehr im Arbeitsprozess gewesen ist, ein gewisses Erfahrungs- und Qualifikationsdefizit gibt. Das muss überbrückt werden können - und es kann auch überbrückt werden. Das ist eine persönliche Überzeugung, die ich hier in die Debatte einbringe. Es kann überbrückt werden, wenn man schon früh und dauerhaft und immer wieder versucht, die Leute weiterzubilden. Dann wird das Risiko geringer, dass sie den Arbeitsmarkt verlassen müssen. Oder wenn sie ausgeschieden sind, sollten sie systematischer bessere Voraussetzungen bekommen haben, um allenfalls wiedereinsteigen zu können. Die Bildung, die dauernde Bildung ist, glaube ich, das entscheidendste Rezept.
Aber das kann nicht nur eine Angelegenheit der Arbeitgeber sein, das will ich auch in aller Deutlichkeit gesagt haben. Es braucht von jedem Einzelnen eine zusätzliche Investition in sich selbst. So sorgt man vor, und wenn es halt doch passieren sollte, erhöht man sich so selber auch die Chance zum Wiedereinstieg. Ich zweifle nicht an der Motivation der Leute, die in den Arbeitsprozess zurückwollen. Diese Motivation muss hoch gehalten werden, sie muss gestützt werden. Noch einmal: Das geschieht vor allem auch über die Sicherheit, dass man sich immer wieder entsprechend dem im Markt erwarteten Qualifikationsstand weitergebildet hat.
Nach dem Gesagten gehen wir einmal mehr an die Arbeit und übernehmen, wenn Sie es denn so beschliessen, Ihr Postulat.
Germann Hannes · P-M · Ständerat · Schaffhausen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Angenommen - Adopté