KR-Nr. 336/2026
1000 Schädel
Winterthur und Zürich, 31. August 2026 KR-Nr. 336/2026
Postulat von Florian Heer (Grüne, Winterthur), Gianna Berger (AL, Zürich), Mandy Abou Shoak (SP, Zürich) und Michael Bänninger (EVP, Winterthur)
Betreffend 1000 Schädel
Wir fordern den Regierungsrat auf, die Provenienz der rund 1700 Schädel und der weiteren menschlichen Überreste («Ancestral Remains»), die in Zürcher Museen und Sammlungen ausgestellt und gelagert sind, durch ein gut abgestütztes Team von Forschenden umfassend aufarbeiten zu lassen. Dabei ist deren Kontextualisierung mit der sogenannten Rassenforschung und dem Kolonialismus zu recherchieren und in angemessener Form zu veröffentlichen und zu vermitteln. Zusammen mit allfälligen Nachfahren, ihren Vertretungen und den Verantwortlichen der Sammlungen ist ein Handlungsplan auszuarbeiten. Dieser soll nach Möglichkeit eine Repatriierung sowie im Falle von rassistischen Forschungen eine Entschuldigung einschliessen.
Begründung:
Mindestens 4175 menschliche Schädel und weitere Skelettteile, die in kolonialen Kontexten erworben wurden, befinden sich in Schweizer Sammlungen. Dabei handelt es sich um «Ancestral Remains», also menschliche Überreste aus Afrika, Asien, Ozeanien, den Amerikas sowie aus Europa und der Schweiz. Sie wurden im 19. Jahrhundert unter oftmals dubiosen, allenfalls illegalen oder zumindest moralisch problematischen Umständen zu Forschungszwecken erworben und lagern bis heute in Sammlungen und Museen. Auch diese Erwerbungen sollten, wenn möglich Teil der Aufarbeitung sein. Die markant hohe Zahl von Schädeln aus kolonialen Kontexten in Schweizer Sammlungen ist auf die hohe Dichte wissenschaftlicher Sammlungen und Universitäten in der Schweiz und deren prominente Rolle in der kolonialen «Rassenforschung» zurückzuführen. Das Zürcher Institut für Anthropologie ist Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Zentrum der globalen Rassenforschung aufgestiegen. Seine führende Rolle verdankte es seinen Methoden und Instrumenten zur scheinbar neutralen und überprüfbaren Vermessung von Menschen und Schädeln. Diese vermeintlich rein wissenschaftliche Zürcher Expertise wurde jedoch auch für Herrschaftszwecke eingesetzt. Stand heute besitzt die Sammlung des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich 1575 menschliche Überreste mit kolonialem Kontext, das Völkerkundemuseum der UZH 107, das Museum Rietberg Zürich 10 und das Naturmuseum Winterthur zwei. Seit 2007 regelt eine Resolution der UNO den völkerrechtlichen Rahmen für den Umgang mit «human remains» und hält fest, dass Indigene Gesellschaften ein Recht auf die Überreste ihrer Vorfahren haben. Die Staaten sind demnach verpflichtet. Transparenz über ihren Besitz zu gewährleisten und den Zugang zu diesen menschlichen Überresten oder ihre Repatriierung zu ermöglichen. Erste Provenienzforschung zu den in Zürich gelagerten Human Remains haben bereits stattgefunden. Auf dieser Grundlage soll eine breite, ergänzende Forschung betrieben werden. Es gilt nun ebenfalls zu untersuchen, wo und in welcher Anzahl sich weitere bisher nicht erfasste Sammlungen menschlicher Überreste in kantonalen Institutionen, insbesondere in den Zürcher Gymnasien und ihren anthropologischen Sammlungen, befinden.
Florian Heer Gianna Berger Mandy Abou Shoak Michael Bänninger